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Sichtweisen

Der Zoo





... der Zoo im Wandel der Zeit

Sinn und Zweck zoologischer Gärten von Pascale Jüch


In den persönlichen wie gesellschaftlicher Beziehung zwischen Mensch und Tier spiegeln sich wichtige Veränderungen der historischen Entwicklungen der Menschlichkeit. Wie Grzimek bereits 1958 andeutete, gründete man immer dann Anlagen mit Wildtieren, wenn eine Hochkultur ihre höchste Blüte erlebte.

Erste Tiergärten in Asien und Afrika dienten weniger dem Kultus als einer Machtdemonstration der Herrscher. Private Einrichtungen des Adels und der Reichen hielten Tiere mehr aus Prestigegründen als aus Interesse oder Freude an den Tieren. Mit der Französischen Revolution erfolgte die Öffnung von Menagerien auch für das normale Volk . Zur Befriedigung der Neugierde, der Belustigung oder der Machtdemonstration erhielten die Tiergärten zusätzlich eine wissenschaftliche Funktion. Führende Naturforscher des frühen Bürgertums, etwa Cuvier oder Lamarck, weckten das Interesse an der Morphologie der Tiere und legten damit den Grundstein für eine neue gesellschaftliche Funktion der Tiergärten. Die Tiergehege wurden im Hinblick auf Einfachheit im Unterhalt, Hygiene und schnelle Nachzucht geplant. Die Bedürfnisse und das Wohlbefinden der Tiere standen dabei eher im Hintergrund.

Erst Dauerproteste von Arten- und Tierschützern sowie drastisch sinkende Besucherzahlen in den achtziger Jahren führten zu einer Neuausrichtung derWelt-Zoo-Naturschutzstrategien. Es kam zu einer völlig anderen Generation von Zoologischen Gärten, die sich um eine artgerechte Tierhaltung bemühten und zudem am Besucher orientierte.

Die am Besucher orientierte Inszenie- rung soll auf einfache Weise die entscheidende Freude am Tier wecken, denn es ist letztlich das Publikum, das einen Zoo am Leben erhält. Der Zoo sollte heute eine neue Beziehung zwischen Mensch und Tier fördern. Es geht um die Botschaft, dass die Natur die Basis unseres Lebens ist und jegliche Vernichtung von Flora und Fauna einen unwiederbringlichen Verlust darstellt. Als größte naturkundliche Schulen des Volkes vermitteln Zoos nicht nur Sympathie und Verständnis, sondern auch praktisches Wissen und die Anregung sich mit der Natur und dem Beobachten lebendiger Tiere auseinander zu setzten.

Zoologische Gärten des 21. Jahrhunderts sollten es sich neben der wissenschaftlichen Forschung in sämtlichen Bereichen der Zoologie zur wesentlichen Aufgabe machen, aussterbenden Tierarten eine letzte Zuflucht zu bieten. Internationale und Europäische Initiativen, wie zum Beispiel UNSECO, IUCN (International Union for Conser- vation of Nature & Natural Resources), EEP (Europäische Erhaltungs- Zucht- programme) oder EAZA (European Association of Zoos & Aquariums) unterstützen und leiten die Rettung bedrohter Tierarten. Die momentan am schnellsten voranschreitende Verarmung der Fauna betrifft die Wirbeltiere. Sie kann dank dieser Organisationen konkret durch Erhaltungszuchtprogramme und internationale Zuchtbuchführer teilweise aufgehalten werden.

Die Zeiten der alten Menagerien, in denen die Tiere in engen Käfigen gehalten wurden, um den Besucher zum Besichtigen so vieler Arten wie möglich quasi zu nötigten, sind glücklicherweise mit wenigen Ausnahmen vorbei. Doch Platz respektive Fläche ist beileibe nicht alles, was das ideale Tiergehege auszeichnet. Stimmt die Gestaltung eines großen Geheges nicht, wurde sie den Bedürfnissen Tieres nicht angepasst, kann es unter Umständen sogar schlechter sein als ein kleines, in einer der Art gerechten Weise strukturiertes Gehege.

Eine Anlage, in der das Tier sich ohne Rückzugsmöglichkeit dem Besucher zeigen muss, entspricht heute nicht mehr dem Sinn und Zweck von zoologischen Gärten. Es muss ein Balanceakt entwickelt werden, bei dem die Tiere sich in einem großzügigen artgerechten Lebensraum wohl fühlen, der zugleich so gestaltet ist, dass der Besucher aus seiner Alltagsumgebung in eine fremde, exotische Welt entführt wird. Landschaftszoos mit nachgebildeten Biotopen oder Ökosysteme bieten den Tieren nicht nur einen abwechslungsreichen und (Tier)-artgerechten Lebensraum, sondern berühren außerdem den Besucher sinnvoll mit einem Tiererlebnis aus (fast) freier Natur.


(Die Autorin ist Zoologin)



 
 
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